Michael Rathmayer - Fotokunst
1) Kunst als Foto-Genese
a)
Der Fotograf Michael Rathmayer entwickelt in seinem Oeuvre vorrangig zusammenhängende Werkserien, in denen er seine professionellen Kenntnisse des fotografischen Mediums sehr feinfühlig ausnützt. Die Beherrschung medienspezifischer Parameter leistet dem fotografischen Anspruch Genüge, mit dem der Künstler Rathmayer sein Konzept einer konstruierten Wirklichkeit verfolgt. Sein Fokus richtet sich dabei auf eine Welt der kleinen Körper, auf die Plastizität von Details, auf präzise Lichtsetzung, auf nahezu choreographische Bewegungsverläufe und auf akribische Tiefenschärfe. Indem er all diese medialen Techniken gekonnt nutzt, erzeugt er in den Abbildern seiner Dinge eine überhöhte Präsenz des Profanen. Die daraus resultierende, fotografische „Apotheose en miniature" stattet ebendiese Dinge mit jener ästhetischen Beharrlichkeit aus, die die Fotografie des Stilllebens im Allgemeinen auszeichnet.
b)
Ins Besondere zu kommen ist eine stille Voraussetzung der Kunst. Michael Rathmayer geht in seiner Kunstfotografie vom Medium im klassischen Sinne aus. Es sind erstens oben erwähnte Parameter, die den Nährboden für seine künstlerischen Fotografien abgeben, zweitens ist es das Beharren des Künstlers auf der Realität selbst, welches seinen Sujets und Werkserien (FRAGILE BASTARDS, SCHNELL-ZURÜCK, GELINDE-GESAGT) spürbar zugrunde liegt. Auch wenn diese Realität nur mehr bruchstückhaft oder ausschnittweise zur Verwendung kommt, bildet sie jeweils das Modul für Rathmayers Objektschöpfungen, die nicht mathematisch konstruiert, also auch nicht computiert sind, sondern fotografisch generiert. Denn darauf legt der Künstler wert, seine Bilder nicht als Computerkunst gesehen zu wissen, sondern eindeutig als Fotografie, auch wenn es ihm um die Schaffung ästhetischen Neulands geht. Diese Eindeutigkeit unterstreicht er eben damit, dass er nicht Künstlichkeit, sondern Wirklichkeit zum Ausgangspunkt nimmt und diese Wirklichkeit bis zum Abschluss des kreativen Prozesses aufrecht hält. Zwar erweitert er seinen schöpferischen Spielraum durch die Verwendung des Computers, jedoch in einem immanent fotografischen Kontext.
Computer und Kamera werden bei Michael Rathmayer lediglich in eine produktive Symbiose zueinander gesetzt, wie sie früher schon die Kamera und die Dunkelkammer gebildet hatten. Mit dem Computer betreibt er eine Art „Morphing", das in ähnlicher Weise auch durch Mehrfachbelichtung innerhalb der Kamera oder außerhalb von ihr durch Mehrfachprojektion in der Dunkelkammer erfolgen könnte. Der Computer bildet somit lediglich die zeitgemäße Verlängerung der Kamera und wird von Rathmayer als generative Camera Obscura verwendet. Auch wenn manche Bilddefinitionen - zum Beispiel die Angleichung von prägenden Farbstimmungen innerhalb einer Serie oder die räumliche Ineinanderkettung der jeweiligen „Bildmorpheme" bei einem Einzelbild - auf den Einsatz des Computers zurückgehen, entstehen Rathmayers Bildwelten also nicht auf Basis von Fraktalen, sondern durch die Transformation von fotografischen Fragmenten. Damit erhält sich seine Fotokunst jedoch die mediale Charakteristik. In diesem Sinne sind seine künstlerischen Sujets als Foto-Genesen zu verstehen, deren Keimstadium durch die Extraktion mittels der Fotokamera festgelegt wird, deren weitere Entwicklung bis hin zum als Kunstwerk freigegebenen Abzug jedoch nicht mehr an lichttechnische Prozesse in der Dunkelkammer, sondern an den pointierten Einsatz einer hybriden Bildtechnik geknüpft ist, deren Augenmerk explizit auf der „Lichtzeichnung" (= photos graphein, gr.) verbleibt.
2) Die Serie als Album
c)
Michael Rathmayer betont in allen seinen Werkserien deren verbindenden, atmosphärischen Duktus. Ähnlich dem Release einer Cd oder eines Schallplattenalbums geht es ihm nicht so sehr um die Autonomie oder Auskoppelung des Einzelbildes, sondern um die Gesamtwahrnehmung aller Bilder, die eine Serie definieren. Insbesondere das elegante Farbtemperament und die formale Verwandtschaft der jeweils zur Transformation gelangenden Artefakte zeichnen seine Serien aus. Es sind nachlesbare Verknüpfungen und Charakteristika in der Bildschöpfung, anhand derer Rathmayer mehrere Fotografien zu einem visuellem Album entlässt. Die Intention des Künstlers greift jedoch mit jeder Serie weniger nach dem Wiedererkennen der Artefakte oder nach dem Neuerkennen von modulierter Dinglichkeit, sondern vielmehr nach einem psychischen, in einer speziellen Tonlage schwingenden Echo beim Betrachter.
d)
FRAGILE BASTARDS / GELINDE-GESAGT
Bei beiden Serien liegt der primäre, optische Reiz in der geschichteten Transparenz der Objekte. Die Komplexität ihrer Durchleuchtung ist frappant - und er basiert bereits auf dem fotografischen Moment der Ablichtung. Denn die jeweils fotografierten Artefakte entsprechen schon der künstlerischen Finalisierung, es sind zum Beispiel Gelatineblätter, Stoff- oder Gazefetzen, die im Fotostudio aufgenommen werden und dann in der Dunkelkammer des Computers - im Prozess des „Morphens" (siehe oben) - mittels räumlicher Überblendungen zu Geschöpfen einer gewissen Halbwirklichkeit gelangen. In diesem Zwischenzustand von Lichträumen, morphologischen Erinnerungen, Anspielungen von Gesichtern usw. entsteht eine flüchtige Lebenswelt für sehr dünnhäutige, quallen- oder im besten Wortsinn schleierhafte Kreaturen. Rathmayer inszeniert hier die Abbilder durchscheinenden Materials zu einer Wesenhaftigkeit, er generiert damit sehr schwerelose, im Fotolicht aufflackernde Durchsichten auf eine Art von Chimären, die in ihrer sublimen Stofflichkeit aber mehr wie träumerische Nachbilder wirken.
e)
SCHNELL! ZURÜCK!
Die in kühlem, fast fahlem Licht gehaltene Serie zeichnet sich durch den Grundduktus einer Plastizität aus, die aus einem Gesamtkomplex entnommen wirkt, der jedoch nicht verrät, ob er mikro- oder makroskopischer Natur ist. In den einzelnen Fotos kommt eine technoide, metallische Körperlichkeit zum Tragen, die zwischen organischer und toter Physis oszilliert. Letzteres ist zweifelsohne auf die Bewegungsunschärfe zurückzuführen, die von Michael Rathmayer als kalkulierter Moment einer Studioaufnahme im Mikrobereich eingesetzt wird. Verblüffend ist nicht nur die sachliche und emotionale Differenz des fotografierten Artefakts zum schlussendlichen Bildobjekt, sondern auch die Distanz der Räume. Denn durch die künstlerische Verwischung von Form, Dimension und ursprünglichem Bildraum wird ein neuer mentaler Erfahrungsraum geschaffen, der von einer in den großen Maßstab übertragenen Monu-Mentalität dramatisiert wird. Hierin kommt ein Kunstgriff visueller Fiktion - genauer gesagt einer Science Fiction - zur Entfaltung und verantwortet nicht zuletzt die doppelbödige, bedrohliche Konnotation dieser Serie.
Michael Kos, Dezember 2010